News-Ticker

10 000 Euro teure Bauchschmerzen

Eine Rundreise durch die USA ist spannend, abwechslungsreich, kostet viel Geld. Niemand sollte da auf eine Auslandskrankenversicherung verzichten - wie ein Krankenhaus-Aufenthalt in Las Vegas zeigt.

Das Las-Vegas-Sign. Foto: Oliver Heider

Es passiert an einem Samstag im Mai 2012. Schon die Tage zuvor waren der Horror. Ich hatte mir einen Magen-Darm-Virus eingefangen. Die Fahrt vom Bryce Canyon nach Las Vegas war ein Trip der Qualen. Und doch kommen mein Reisebegleiter Benjamin und ich in der Stadt der Sünde an: Las Vegas!

Doch nach sündigem Verhalten ist es uns so gar nicht. Was mir im wahren Wortsinn den Magen umgedreht hat, macht zwei Tage später Benjamin im Darm zu schaffen – ein Virus. Durchfall. Bauchkrämpfe. Als die Schmerzen größer werden, fahren wir in ein Krankenhaus, wo wir gegen 16.45 Uhr am Samstag ankommen.

Benjamins Zustand  ist „nicht überragend, aber erträglich“, wie er sagt. Ein Schild mit der Aufschrift „Emergency Admittance“ weist den Weg zu einer Frau am Schalter, die bittet, ein Formular auszufüllen. Name, Adresse, Beschwerden soll er angeben.

Schon kurze Zeit später kommt ein Arzt. Er misst Blutdruck, Puls, will wissen, ob Benjamin Drogen konsumiert und welche Art von Schmerzen er habe. Dann beginnt eine Odyssee, die wir beide uns in unseren kühnsten Träumen nicht so vorgestellt hätten.

Free Wifi, Cocktailgläser und Chips im Krankenhaus

Gegen 17 Uhr nehmen wir im Wartezimmer Platz. Gut 15 Patienten sitzen dort. Ein Latino lädt mit seinem Mobiltelefon Applikationen herunter. Kein Wunder, im Krankenhaus gibt es „Free Wifi“. Kostenloses Internet per Funk für alle. Im Flachbildschirm, der an der Wand hängt, laufen Sitcoms.

Einige Patienten schauen stur auf den Bildschirm, andere futtern Chips, trinken Cola. Eine Frau steckt ihr Handy in die Steckdose. Den Energiehunger des Geräts auf Kosten der Klinik gestillt. Eine gut beleibte Patientin telefoniert mit dem Telefon eines Münzsprechers.

Plötzlich betreten drei Hawaiianer den Raum. Zwei von ihnen haben gut 50 Zentimeter lange Cocktailgläser aus Plastik in der Hand. Solche, wie es sie auf dem Las-Vegas-Strip zuhauf zu kaufen gibt.

Das Warten kommt uns ewig vor. Auch ich frage mich, wie lang es wohl dauern wird, bis sich ein Arzt Benjamins Schmerzen annimmt, ein Schmerzmittel verschreibt und der Spuk ein Ende hat.

Eineinhalb Stunden warten – und nichts passiert

Ein Patient nach dem anderen wird aufgerufen. Benjamin kommt nicht dran. Der Hawaiianer schon. Er habe Schmerzen in der Brust, erklärt er einem Arzt. Seine Kumpels nuckeln weiter an den Strohhälmen in ihren Cocktailgläsern.

Eineinhalb Stunden sind es nun schon. Benjamin hat zwar Schmerzen, ein kleiner Lacher am Rande ist zu dem Zeitpunkt sogar noch drin. Ein Patient in der Ecke nickt ein. Ein anderer bekommt ebenfalls nicht mehr mit, dass er aufgerufen wird, weil er das Krankenhaus schon wieder verlassen hat, ohne Bescheid zu sagen.

Inzwischen ist es 19 Uhr. Benjamin ist verwundert. Die Ärzte bitten nicht mal mehr Patienten ins Behandlungszimmer, was davor noch im 15-Minuten-Takt geschehen ist. Schnell wird klar: Es ist Schichtwechsel.

Im Warteraum sitzen noch sechs Patienten, teils mit Angehörigen. Ein Mann spielt mit seinem Handy. Ihm ist sichtlich langweilig. Und nicht nur das. Ein wenig besorgt ist er auch. Sein Bekannter ist nun schon seit zwei Stunden bei den Ärzten. „Was machen die Ärzte wohl mit dem Mann dahinten?“, fragt sich Benjamin. So krank habe der Mann gar nicht ausgesehen, meint er.

Schmerzen auf einer Scala von 1 bis 10? 10!

Gegen 19.30 Uhr ruft ein Arzt alle verbliebenen Patienten auf. Eine Frau meldet sich und sagt, sie habe starke Schmerzen im Arm. Sie solle erklären, wie schlimm es sei – auf einer Skala von 1 bis 10. Sie sagt: 10. Der Arzt nimmt sie sofort mit.

Endlich. Um 19.45 Uhr ist auch Benjamin dran. Nochmals muss er beschreiben, was ihm wehtut. Inzwischen sind seine Schmerzen durch das lange Warten fast unerträglich. Was er bisher auf der Skala als 5 angegeben hat, sei nun 8 oder 9, erklärt er dem Arzt.

Noch einmal wird ihm Blutdruck und Puls gemessen. Dann bekommt Benjamin einen Becher in die Hand. Urinprobe. „Sollen wir sagen, dass wir nur noch eine Nacht in Las Vegas sind und für langwierige Untersuchungen keine Zeit haben?“, frage ich ihn. Mal abwarten, meint Benjamin, der den Becher füllt, abgibt und wieder im Wartezimmer Platz nimmt.

Befürchtungen, die Wartezeit könnte sich ins Unermessliche hinziehen, erfüllen sich aber nicht. Fünf Minuten später holt ein Arzt Benjamin ab. Auf seinen Wunsch hin bleibe ich  an seiner Seite.

Security im Emergency Room

Der Arzt tippt einen Code ein, die Türen öffnen sich. Ein paar Schritte durch den Gang, dann links ins Behandlungszimmer 31. Mitten im „Emergency Room“, der Notaufnahme. Die Tür bleibt offen. Auf dem Gang liegt eine Frau nur mit einem Tuch bekleidet. Sie schläft. Rechts nebendran sitzt ein Wachmann und spielt mit seinem Smartphone. Security – warum Security?

Wenige Minuten später kommt eine Krankenschwester zu Benjamin ins Zimmer, in dem viele Geräte stehen. Sogar ein kleiner Fernseher. Patienten, die Zeit zum Fernsehen haben? Wir können uns keinen Reim darauf machen.

Die Schwester erfragt ebenfalls, welche Schmerzen er hat. Benjamin gibt geduldig Auskunft. Dann holt sie eine Spritze, eine Injektionsnadel und sieben Plastikröhrchen. Benjamins Blick wabert im Raum umher.

Die Krankenschwester setzt die Nadel. Zuerst einmal. Dann ein zweites Mal. Und nochmal. Ohne Erfolg, sie hat die Vene verfehlt. Erst beim vierten Versuch klappt es. Das Blut läuft.

Viel zu wenig getrunken – und der Hunger klopft auch an

Benjamin atmet tief durch. Er hat wenig gegessen. Zuletzt um 12.30 Uhr ein paar Münchner Weißwürste im Hofbräuhaus Las Vegas, in dem das Champions-League-Finale des FC Bayern München gegen FC Chelsea live gezeigt wurde. Für Benjamin als Bayern-Fan ein Pflichttermin. Trotz der Schmerzen. Auch getrunken hat er wenig. Viel zu wenig. Und jetzt wird ein halber Liter Blut aus seinem geschundenen Körper gesaugt.

Die Krankenschwester packt ein und nimmt die Röhrchen mit. Benjamin fragt sie, wie lange die Analyse dauert. Schließlich gehe am nächsten Tag der Flieger nach Buffalo. „Das Ergebnis kommt noch heute Abend“, sagt sie.

Jetzt noch abtasten – und dann könnte es das gewesen, glaubt Benjamin. Ein anderer Arzt kommt herein. Auch er will wieder wissen, was dem Patienten fehlt. Er hört den Bauchraum ab und sagt, dass es öfters vorkomme, dass am Ende aller Untersuchungen keine konkrete Diagnose stehe.

„Haben Sie Alkohol getrunken?“, fragt er. „Keinen einzigen Drink“, antwortet Benjamin. Der Arzt, einer der gesprächigeren im Hospital, versucht aufzumuntern: „Sie hätten einfach viel Alkohol trinken sollen. Dann hätten Sie keine Probleme.“ Sagt es und greift dort hin, wo es einem Mann sehr unangenehm ist, von einem Arzt berührt zu werden. „Entschuldigung dafür, aber es muss sein“, erklärt der Arzt. Hoden? Prostata? Alles okay, meint der Mediziner.

Vier Ampullen Morphin gegen Bauchschmerzen?

Benjamin wendet sich mit einem leidvollen Blick zu mir. War es das? Nein. Der Arzt sagt, es gebe noch weitere Untersuchungen. Er faselt etwas von „X-Ray“. Klingt irgendwie nicht gut, da sind wir uns einig. Zumal unser Schulenglisch für eine Grobbestimmung ausreicht: Röntgenstrahlung, oder so etwas in der Art.

Dann ist erst einmal Funkstille. Minutenlang, bis wir Geräusche aus dem Nebenraum hören. Neben Zimmer 31 ist eine Toilette, auf der ein Mann sein Geschäft verrichtet. Die Laute, die er dabei von sich gibt, deuten auf große Anstrengung hin.

Nach weiteren Minuten bringt die Krankenschwester eine Elektrolyt-Lösung. „Schmeckt nicht gut“, sagt sie. Ein halber Liter, mit einem Röhrchen zu trinken. Noch hat Benjamin seinen Humor nicht gänzlich verloren: „Sieht aus wie Bier“, scherzt er. Sie schüttelt den Kopf. Nein, danach schmeckt es nicht. Er schließt die Augen, saugt an dem Trinkhalm, verzieht sein Gesicht. In drei Etappen trinkt er den großen Plastikpott aus.

Die Krankenschwester misst Benjamins Temperatur. Und legt plötzlich vier Ampullen Morphin auf das kleine Tischchen vor dem Bett. Morphin? Mir wird ganz anders, ich kann meine Gedanken nur schwer im Zaum halten.

Die Infusion läuft – eine Stunde lang

Sowohl bei Benjamin, der völlig entkräftet auf dem Bett liegt. Als auch bei mir dreht sich das Gedankenkarussell. Die Schwester spritzt die vier Ampullen und jagt danach einen Liter Kochsalzlösung in den Körper. Auch ein Kontrastmittel bekommt er.

Dann lässt sie uns wieder allein. Wie so oft an diesem Abend bleiben wir zurück, ohne zu wissen, wie es weitergeht, wie lang das Ganze noch dauern wird. Kurz darauf schaut die Krankenschwester ins Zimmer, überprüft die Infusion. Diese läuft nicht richtig. Die Folge: Sie muss erneut in die Vene stechen. Diesmal am linken Arm. Es klappt es aufs erste Mal. Benjamin spürt nichts mehr. Die Schmerzmittel wirken.

Die Infusion läuft – eine Stunde lang. Niemand schaut in dieser Zeit nach Benjamin, der froh ist, dass ich an seiner Seite sitze. Die Zeit vergeht langsam, Benjamin wird unruhig. Eine Krankenhaus-Mitarbeiterin betritt den Raum. Sie hat einen ganzen Stapel an Formularen dabei.

Benjamin muss unterschreiben, dass er über alle Untersuchungen informiert wurde, dass er gegenüber der Klinik keine Forderungen erheben wird, dass er die Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbindet, falls seine Auslandskrankenversicherung Fragen hat.

Fast 10 000 Euro kostet der gesamte Krankenhaus-Aufenthalt

Und diese Versicherung ist, so lernen wir aus der Klinik-Odyssee, dringend nötig. Vor Ort wird Benjamins Kreditkarte mit 2000 Dollar belastet. Einige Wochen später werden sich sämtliche Kosten auf rund 12.000 Dollar, also zum damaligen Zeitpunkt fast 10.000 Euro summieren. Die Versicherung zahlt jeden Cent. Zum Glück.

Inzwischen ist auch die Krankenschwester wieder in Zimmer 31 gekommen. Sie hängt den Infusionsbeutel ab. Aber nur, um einen zweiten aufzuhängen. „Wie lange dauern die Untersuchungen noch“, frage ich erneut. „Das kann ich nicht sagen“, meint die Schwester. „Das hängt davon ab, was die Ärzte noch alles untersuchen wollen.“ Sie wolle aber, so sagt sie, nun den Radiologen informieren, dass dieser anrücken könne.

Wieder vergehen zehn Minuten. Dann kommt der Radiologe. Er macht ein, zwei Späße – und nimmt Benjamin mit. Zur Radiologie-Station. Er landet im Computertomographen, seine Bauchgegend wird gescannt. Danach geht es zurück in Zimmer 31.

Von Ruhe kann dort aber keine Rede sein. In der Toilette nebenan stolpert ein Mann durch den Raum. Wenig später wird die Schwester feststellen, dass er in eine Ecke gepinkelt hat. Sie muss es aufwischen. „Ekelhaft“, entfährt es ihr. Ein Teil des übel riechenden Gemischs schwimmt unter der Türe hindurch.

Ein Patient schließt sich in der Toilette ein und telefoniert

Derselbe Mann – es ist der Hawaiianer vom Wartezimmer – schließt sich wenig später selbst in das Klo ein, das zwei Türen hat. Eine zum Gang und eine zum Behandlungsraum 31. Er telefoniert. Wohl mit seinen Kumpels, die im Wartezimmer sitzen. „Die sind hier alle verrückt, die wollen mich nicht gehen lassen.“ In einer halben Stunde wolle er draußen sein, erklärt der offenbar alkoholisierte Mann.

Uns wird es ganz anders. Der Mann noddelt an der Klinke der Tür, die unseren Raum führt. Ein Mechanismus verhindert, dass er herein kommen kann. Die Krankenschwester fordert ihn mehrfach auf, aus der Toilette zu kommen. Vergebens. Erst einige Minuten später kommt er raus.

Vom Flur aus ist zu sehen, dass ihn die Klinik-Security schon erwartet. Der Mann wird aggressiv, will sich die Infusionsnadel selbst rausziehen. Seine Koordination ist aber nicht mehr die beste, wegen des vielen Alkohols. Ein Arzt erklärt ihm, dass das Hospital für sein Wohlbefinden verantwortlich sei.

In diesem Zustand könne man ihn nicht gehen lassen. „Kann Sie jemand abholen?“, fragt der Arzt. „Machen Sie mir das Ding raus“, schreit der Hawaiianer und zeigt auf die Infusionsnadel. Mit vereinten Kräften setzen Arzt, Krankenschwester und Wachpersonal den Mann auf eine Liege und fahren ihn aus dem „Emergency Room“.

Elektrolyt- und Kochsalzlösung fordern ihren Tribut

Nach Benjamin schaut niemand. Keiner erkundigt sich nach seinem Wohlbefinden. Ihm wird die Situation sichtlich zu viel. Vor allem, als eine verletzte Frau auf dem Flur vor Schmerzen zu schreien beginnt.

Mir wird es zu bunt. Ich gehe zur Schwester und frage sie eindringlich, wie lange Benjamin noch ausharren muss. „Ich werde den Arzt informieren, dass er sich jetzt die Ergebnisse anschauen soll.“

Nun fordern Elektrolytlösung und Kochsalzlösung ihren Tribut. Benjamin muss auf die Toilette. Doch wie anstellen, fragt er sich. Er liegt auf dem Bett, der Infusionsbeutel ist an einer Stange befestigt, die am Bett verschraubt ist. Ich helfe ihm, halte den Beutel, wackele mit Benjamin in jene Toilette, in der der Hawaiianer randaliert hatte. Auf dem Weg dorthin müssen wir auch dem Urin am Boden ausweichen. Dann erleichtert sich Benjamin, der keine Kontrolle mehr über seinen Körper hat.

Endlich, um 23.35 Uhr kommt der Mediziner. Er habe nichts feststellen können – bis auf eine Dehydrierung. „Aha!“, sagt Benjamin halb im Delirium. Viel bekommt er inzwischen nicht mehr mit. Er soll zuhause noch mal einen Arzt aufsuchen und sich untersuchen lassen. Ansonsten: „Alles Gute“, sagt der Arzt und verabschiedet sich.

Um 0.45 Uhr endet die Odyssey im Hotel

Gegen 23.45 Uhr verlässt Benjamin das Krankenhaus mit allen Unterlagen, die er für seine Auslandskrankenversicherung braucht. Er ist platt, ausgelaugt, am Ende. Jetzt ins Auto setzen und schnell ins Hotel.

Doch bis wir endlich beim Mietwagen ankommen, müssen wir erst noch einmal eine Viertelstunde um den Riesenkomplex herumlaufen. Denn der Notaufnahmen-Ausgang befindet auf der anderen Seite.

Wirklich im Bett landen wir erst um 0.45 Uhr. Denn die zehn Tabletten, die der Arzt verschrieben hat, muss der Apotheker erst noch zusammenmischen.

Brauchen wird Benjamin die Medikamente in den folgenden Tagen zum Glück nicht mehr. Die Schmerzen haben sich fast vollständig in Luft aufgelöst. Lange genug hat es gedauert.

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Über Oliver Heider (37 Beiträge)
Journalist. Blogger. Reisender.

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