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Wie Turbo-Wachstum den Kreuzfahrt-Markt verändert

Die Preziosa ist das zwölfte Flottenmitglied von MSC Kreuzfahrten - und einer von sechs Neubauten 2013 weltweit. Die Ozeanriesen werden immer größer, doch die Gewinnmargen sinken immer weiter.

Zur Taufe der MSC Preziosa (Mitte) kamen auch MSC Splendida und MSC Opera nach Genua. Foto: Oliver Heider

Es hat 13 Grad im Hafen von Genua. Doch in der blauen Röhre ist es warm – und nass. Die ersten Meter sind dunkel. Salziges Wasser spritzt ins Gesicht. Mit sechs Metern pro Sekunde geht es an bunten Lichtern vorbei.

Nach einer Linkskurve das Highlight: ein neun Meter langes, transparentes Stück, das über die Reling ragt und den Blick aufs Meer freigibt. Nochmal Lichter, Kurven und die Fahrt ist zuende.

Die Kreuzfahrtbranche setzt auf Ausgefallenes, um Kunden zu locken. Auf der Preziosa ist das „Vertigo“, die mit 120 Metern längste Single-Wasserrutsche auf einem Ozeanriesen. Das zwölfte Kreuzfahrtschiff der Reederei Mediterranean Shipping Company (MSC) mit Sitz in Genf ist einer von sechs Neubauten dieses Jahr weltweit.

Die Zahl der Schiffe wächst stetig, die der Passagiere auch – wenngleich durch das Costa-Concordia-Unglück und die Euro-Krise abgebremst. Mehr als 6 Millionen Europäer machten 2012 Urlaub auf hoher See – 1 Prozent mehr als im Vorjahr. Darunter waren 1,5 Millionen Deutsche (plus 11 Prozent).

Die Passagierzahlen werden weiter steigen. Das prognostiziert Alexis Papathanassis, der an der Hochschule Bremerhaven das Geschäft mit Kreuzfahrten erforscht. „In den USA machen 4 bis 5 Prozent der Bevölkerung eine Kreuzfahrt.“ In Europa seien es nur 1 bis 2 Prozent. Das Potenzial sei groß.

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Dass das Wachstum für Reedereien profitabel wird, bezweifelt er. Die Gewinnmarge schrumpfte im vergangenen Jahrzehnt um 4 Prozent, der Trend dürfe anhalten, sagt der Experte. Denn die Konkurrenz nehme zu.

Tatsächlich sinken die Preise tendenziell. Zwar gibt es weiter das Luxussegment. So kostet eine Woche auf MS Europa 2 ab 4000 Euro. Doch mit Blick auf das rasant wachsende Massengeschäft häufen sich die Schnäppchenangebote, zum Beispiel eine Woche mit MSC durchs Rote Meer ab 299 Euro. Inklusive Flug.

Macht das nicht die Preise kaputt? „Ägypten ist jeden Tag in den Nachrichten“, sagt Pierfrancesco Vago, Geschäftsführer von MSC Kreuzfahrten. „Dann muss man Rabatte anbieten, weil die Leute nicht freiwillig in dieses Gebiet reisen.“

Zudem werden nicht alle Kabinen so günstig verkauft. Eigentlich will die Branche die Preise nach oben bringen. So sieht es auch Richard Vogel, Vorsitzender des Schifffahrtsausschusses im Deutschen Reiseverband: „Die Ware Reise braucht generell einen höheren Stellenwert.“

Papathanassis hat eine weitere Erklärung für die Aktionen: „Im Tourismus gilt immer die Devise: Es ist besser, ein Zimmer oder eine Kabine mit Verlust zu verkaufen, als dass sie leer ist. Zudem sage der Ticketpreis wenig über die Gesamtkosten aus. An Bord komme durch Ausflüge, Wellness-Anwendungen, Getränke im Schnitt ein Viertel des Ticketpreises obendrauf.

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Auf der Preziosa gibt es neben „Vertigo“ einen Spa-Bereich, Restaurants, Bowling-Bahnen, Formel-1-Simulator und Geschäfte – also viele Möglichkeiten, an Bord Geld auszugeben. War es früher eher der Reiz, viele Länder in kurzer Zeit zu sehen, rückt zunehmend das Schiff selbst in den Vordergrund – gerade bei Vielfahrern.

Um Kreuzfahrten rentabel anzubieten, werden die Schiffe größer. Je mehr Gäste an Bord sind, desto geringer sind die Fixkosten pro Passagier. Mit 333 Meter zählt die Preziosa zu den größten Kreuzern. An die Oasis und die Allure of the Seas kommt sie aber nicht ran: Diese sind 360 Meter lang, bieten Platz für je 6300 Passagiere. Auf der Preziosa sind es bis zu 4350 Gäste und knapp 1400 Besatzungsmitglieder.

Die Branche wird zum Mainstream-Markt, mit Folgen für die Umwelt. Die Reedereien bekommen härtere Auflagen. Sie entwickeln effizientere Technologien, um Kraftstoff zu sparen. Nur so bleiben Kreuzfahrten erschwinglich.

Die Preziosa hätte ursprünglich „Phoenicia“ heißen sollen. Mit ihr wollte der damalige Machthaber Lybiens, Muammar al-Gaddafi, ins Kreuzfahrtgeschäft einsteigen. Dann kam der arabische Frühling und der Machtwechsel.

Die Reederei MSC, die der italienischen Familie Aponte gehört und neben Kreuzfahrt- auch 440 Containerschiffe hat, übernahm für 550 Millionen Euro den Bau. Gaddafis Idee, ein Haifisch-Aquarium zu installieren, verwarf MSC. Stattdessen bietet die Preziosa die Riesenrutsche an.

*** Dieser Artikel ist am 28.03.2013 in der SÜDWEST PRESSE erschienen. Die Reise kam auf Einladung von MSC Kreuzfahrten zustande. Einen Einfluss auf die Berichterstattung hatte dies zu keinem Zeitpunkt. ***

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Über Oliver Heider (37 Beiträge)
Journalist. Blogger. Reisender.

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