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Zwei Illertisserinnen arbeiten an Bord eines Kreuzers

Carolin Moser (27) und Nicole Dirner (43) arbeiten dort, wo andere Urlaub machen: auf einem Kreuzfahrtschiff. Die Illertisserinnen lernen viele Länder kennen. Privatsphäre gibt’s für die Crew an Bord aber kaum.

Carolin Moser. Foto: Oliver Heider

Dubrovnik hat ihr gefallen. Indien auch. Doch Singapur ist für Carolin Moser „das absolute Highlight“. Die 27-Jährige aus dem Illertisser Stadtteil Jedesheim hat das vergangene halbe Jahr auf hoher See verbracht. Auf dem Kreuzfahrtschiff „Aida Aura“, das im Herbst vom Mittelmeer durch den Suezkanal nach Südostasien aufgebrochen und dort seit Dezember unterwegs ist. Zum Vergnügen ist Moser nicht an Bord. Sie arbeitet, wo andere Urlaub machen.

An Seetagen berät sie am Schalter Passagiere, verkauft Ausflüge. Diese begleitet sie an Land. „Wir gehen mit und machen die Qualitätskontrolle“, sagt sie. Schließlich vermittelt die Reederei Ausflüge von örtlichen Veranstaltern.

Moser und ihre Kollegen prüfen, ob die Busse sauber sind, die Reiseleiter ihren Job gut machen, das Essen dem eines Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels entspricht. Sollten nicht genug deutschsprachige Reiseleiter verfügbar sein, übersetzen die „Scouts“ selbst in den Bussen. „Viele Gäste denken, wir sind nur Praktikanten. Dabei sind wir fast alle vom Fach.“

Die 27-Jährige hat in München Tourismus-, Hotel- und Eventmanagement studiert und 2012 ihren Bachelor-Abschluss gemacht. Einen festen Job bekam sie jedoch nicht. Also bewarb sie sich bei der Kussmund-Reederei, auf deren Schiffen sie selbst Urlaub gemacht hatte. Zuerst war sie auf der „Sol“, nun ist sie auf der „Aura“. Jobs auf Ozeanriesen verlangen dem Personal einiges ab: Privatsphäre gibt es an Bord kaum.

Zwei Crewmitglieder teilen sich eine Sieben-Quadratmeter-Kabine. Gearbeitet wird meist sechs Monate am Stück, sieben Tage die Woche, nicht selten zehn Stunden und mehr pro Tag. „Man geht mit der Arbeit ins Bett und steht wieder mit ihr auf“, sagt Moser. Mit den anderen Crewmitgliedern versteht sie sich gut. In der Crew-Bar stehen regelmäßig Karaoke, Tischkicker, Dart und Spieleabende auf dem Programm. „Wir sind wie eine Familie“, erzählt Moser.

Ein Satz, dem Nicole Dirner aus Illertissen-Au zustimmt. Die 43-Jährige ist ungebunden, hat keine Kinder. Als Shopmanagerin ist sie verantwortlich für die Bereiche Parfum, Schmuck und Uhren, Textil sowie Merchandising-Produkte. Dass sie nicht die einzige Illertisserin an Bord ist, wusste sie vor dem Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE nicht. So klein ist die Welt.

Dirner findet es spannend, verschiedene Kulturen an Bord kennenzulernen. Knapp 400 Menschen aus mehr als 20 Nationen arbeiten auf dem Schiff. „Das macht viel Spaß, man muss aber ein Teamplayer sein.“ Die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau war lange für einen Verlag tätig, der eine Zeitschrift für Schmuck und Uhren herausgab. Dann kam es zur Insolvenz. Dirner musste sich umorientieren.

Als Aida einen Juwelier suchte, bewarb sie sich. „Ich kannte ja die Branche, die Marken, die Firmen.“ Sie wurde genommen. Nach einem viertägigen „adrenalingeladenen Sicherheitstraining“, bei dem sie mit einem Rettungsanzug bekleidet in der Ostsee Manöver erprobte, kam sie 2011 zunächst auf die „Sol“.

Das hat ihr Leben verändert, sagt sie. Sie sei viel bescheidener geworden. Zwar habe sie als Shopmanagerin, die sie seit ihrem dritten Vertrag inzwischen ist, eine eigene Kabine. Aber die Sieben-Tage-Woche lasse „kein Runterfahren“ zu. Selbst wenn der Shop aus zollrechtlichen Gründen im Hafen geschlossen ist, werde sauber gemacht, aufgefüllt, dekoriert. „Wir müssen hart arbeiten, aber an Land weiß man, warum man es macht.“

So war Dirner in rund 40 Ländern. Ob Ostsee, Kanaren oder Mittelmeer: Mehrstündige Ausflüge sind ab und an möglich. Die Karibik und der Orient haben ihr am besten gefallen. Kontakt nach Hause hält Dirner, die vier Monate an Bord ist und dann sechs Wochen Urlaub hat, übers Internet. „Ohne das wäre es schlimm.“

Heimweh hatte Carolin Moser in der Weihnachtszeit. „Wir haben mit dem Kapitän im Theater ein Weihnachtslied gesungen. Das war sehr ergreifend.“ An Silvester habe es ein Feuerwerk auf dem Pooldeck gegeben. Draußen, in den internationalen Gewässern vor Singapur.

In der Metropole geht die 27-Jährige von Bord. „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.“ Morgen ist sie wieder zu Hause. Sie freut sich auf Familie, Freunde und die letzten Faschingsveranstaltungen. Ihre Kollegen wird sie vermissen.

Dieses Gefühl wird aber nicht lange anhalten. In vier Wochen ist Moser als alleinreisende Urlauberin an Bord, auf der Fahrt von Cochin in Indien nach Antalya. Wie es danach weitergeht, weiß sie nicht. Ein neues Angebot der Reederei ist in Aussicht. Irgendwann jedoch will sie „zu Hause Fuß fassen“.

*** Dieser Artikel ist am 24.02.2014 in der SÜDWEST PRESSE erschienen. Die Reise kam auf Einladung von Aida Cruises zustande. Einen Einfluss auf die Berichterstattung hatte dies zu keinem Zeitpunkt. ***

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Über Oliver Heider (37 Beiträge)
Journalist. Blogger. Reisender.

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