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Aus der Nische auf den Mainstream-Markt

Die Kreuzfahrtbranche steht unter Volldampf. Ein Ende des Booms ist vorerst nicht in Sicht, sagt Alexis Papathanassis von der Hochschule Bremerhaven im Interview. Doch der Preisdruck steigt - und die Gewinnmargen der Reedereien schrumpfen.

Das klassische Kreuzfahrtschiff "Astor" im Hafen von Ibiza-Stadt. Foto: Oliver Heider

Wie hat sich die Kreuzfahrt-Branche gewandelt?
ALEXIS PAPATHANASSIS: Das Image der Kreuzfahrten hat sich in den vergangenen fünf bis zehn Jahren stark verbessert. Der Sektor wandelt sich vom Nischen- zum Mainstream-Markt. Früher war eine Kreuzfahrt nur etwas für ältere, gut situierte Menschen. Heute gibt es für fast alle Urlauber das passende Kreuzfahrtangebot. Und die Passagierzahlen steigen stetig an.

Die Reedereien fahren einen extremen Wachstumskurs. Dieses Jahr stechen weltweit sechs neue Kreuzer in See. Aida Cruises hatte bis 2006 drei Schiffe. Heute hat die Rostocker Reederei zehn. Tui Cruises stellt 2014 und 2015 die Schiffe drei und vier in Dienst. Geht das Wachstum munter weiter?
PAPATHANASSIS: Da bin ich skeptisch. Im deutschen Markt gibt es eine geringe Marktdurchdringung von 1 bis 2 Prozent. In den USA machen vier bis fünf Prozent der Bevölkerung eine Kreuzfahrt. Die Reedereien rechnen daher mit einem großen Potenzial. Die Frage ist nur, ob ein solches Wachstum auch profitabel wird. Denn wenn man über Wachstum redet, meint man meistens die steigenden Passagierzahlen und den Umsatz. Doch auch die Rendite ist wichtig. Mit dem Wachstum kommt Konkurrenz. Und die wiederum führt zu Preisdruck. Die Gewinnmarge ist im vergangenen Jahrzehnt um vier Prozent gesunken – und sie dürfte weiter sinken.

Wie war die Auslastung der Schiffe bisher?
PAPATHANASSIS: In Sachen Auslastung redet man immer von „mehr als 100 Prozent”. Wie das geht? Die Reedereien nehmen an, dass einige Kunden krank werden oder nicht kommen. Daher sind die Schiffe heute in der Regel immer voll.

Wird das so bleiben?
PAPATHANASSIS: Die Auslastung wird nur stabil bleiben, wenn die Nachfrage größer ist als Angebot. Die Zahl der Kabinen bleibt aber nicht stabil, sie wächst stetig. Insofern stehen die Prognosen der Reedereien, die eben diesen Aspekt außen vor lassen, auf wackeligen Beinen. Wenn der Markt künftig stagniert, wird die Auslastung sinken. Dem entgegenwirken können die Reedereien nur mit sinkenden Preisen.

Wie lang kann der weltweite Markt insgesamt noch mit steigenden Passagierzahlen rechnen?
PAPATHANASSIS: In den USA dürfte der Markt 2018 bis 2020 stagnieren. In Europa dürfte es noch acht bis zehn Jahre länger dauern. Wir sehen schon heute, dass sich das Wachstum verlangsamt, weil die Konkurrenz wächst und die Preise sehr niedrig sind. Im Moment gibt es ein super Preis-Leistungs-Verhältnis für die Kunden. Doch in der Branche werden die Stimmen immer lauter, dass die Preise zu niedrig sind – für das, was man bekommt.

Das kann man so sagen: Die Reederei MSC hat Anfang des Jahres sieben Tage Rotes Meer für 299 Euro inklusive Flug angeboten. Costa hatte eine Reise für 39 Euro ab/bis Dubai angepriesen, allerdings ohne Flug. Machen die Anbieter mit solchen Billigangeboten nicht ihre Preise kaputt?
PAPATHANASSIS: Im Tourismus gilt immer die Devise: Es ist besser, ein Zimmer oder eine Kabine mit Verlust zu verkaufen, als dass sie leer ist. Außerdem sagt der Ticketpreis – den bezahlt man bei der Buchung – nichts über den Gesamtpreis aus. An Bord gibt es viele buchbare Optionen wie Ausflüge und Einkaufsmöglichkeiten. Auch Getränke und Servicepauschalen kommen oft dazu. Insgesamt rechnet man durchschnittlich mit 25 Prozent Zusatzkosten pro Kreuzfahrt.

Gibt es deshalb auch immer größere Schiffe?
PAPATHANASSIS: Genau. Es gibt zwei Effekte: Zum einen gibt es auf größeren Schiffen immer mehr Möglichkeiten, Geld auszugeben. Zum anderen sinken die Fixkosten pro Passagier für die Reedereien, je mehr Urlauber an Bord sind.

Bisher hatten Kreuzfahrten eher elitäres Publikum angezogen. Könnte in Zukunft mit den stark sinkenden Preisen auch eine Ein-Stern-All-Inclusive-Mentalität auf den Schiffen Einzug halten?
PAPATHANASSIS: Sie zielen auf den Stereotyp Ballermann ab?

Ja.
PAPATHANASSIS: Das kann durchaus eine Folge sein. In den USA gibt es eine Menge Kreuzfahrten, die in diese Richtung zielen. Das ist per se auch nichts Schlimmes, sondern eine breitere Marktbasis. Für alle Segmente sind passende Produkte möglich. Das ist eine Frage der Rentabilität und wie sich die Angebote etablieren. Zudem können die Reedereien das Angebot je nach Reise differenzieren. Schon heute gibt es zum Beispiel Schlager- und Heavy-Metal-Kreuzfahrten.

Das Öl wird langsam knapp und auch Umweltaktivisten kritisieren die Reedereien häufig. Wie ist es um alternative, umweltschonendere Antriebstechnologien in der Branche bestellt?
PAPATHANASSIS: Mit steigenden Kraftstoffpreisen wächst der Druck auf die Reedereien – zumindest in Europa. Der Markt wird sensibler. Es werden gerade unterschiedliche Antriebstechnologien erforscht, die teilweise schon zum Einsatz kommen. Neue Schiffe sind daher relativ effizient. Aber ältere bekommen häufig einen neuen Anstrich, werden unter anderem Namen vermarktet, während die Infratsruktur die gleiche bleibt. Im Moment haben wir international einen Flickenteppich an internationalen Standards und Regulierungen. Wenn ein Schiff in Europa nicht mehr segeln darf, weil es nicht mehr umweltkonform ist, dann wird es eben umpositioniert – dorthin, wo die Regulierungen nicht so streng sind.

Zur Person

AlexisPapathanassis

Alexis Papathanassis. Foto: privat

Alexis Papathanassis ist 37 Jahre alt. Er ist Professor an der Hochschule Bremerhaven und erforscht dort das Geschäft mit Kreuzfahrten.

*** Dieses Interview ist am 27.03.2013 auf www.swp.de erschienen ***

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Über Oliver Heider (37 Beiträge)
Journalist. Blogger. Reisender.

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