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Kreuzfahrt-Kapitän: Manager auf hoher See

Er ist für bis zu 2000 Seelen an Bord verantwortlich: Der 37-jährige Vincent Cofalka ist Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes - und muss auf Notfälle vorbereitet sein, wie eine Asien-Reise zeigt.

Vincent Cofalka arbeitet als Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff. Foto: Oliver Heider

Die Sonne ist untergegangen, es hat noch fast 30 Grad, der Fahrtwind frischt etwas auf. Das Kreuzfahrtschiff Aida Aura ist auf halber Strecke zwischen Singapur und Vietnam, als sich Kapitän Vincent Cofalka über Lautsprecher meldet.

„Wir haben einen medizinischen Notfall an Bord“, teilt er den gut 1200 Passagieren mit. Das Schiff fahre nun mit Maximalgeschwindigkeit. Mehr als 21 Knoten, rund 40 Kilometer pro Stunde. Mit Kurs auf die Stadt Vung Tàu, wo am Morgen ein Krankenwagen warten soll.

„Vergessen Sie MacGyver, vergessen Sie Scotty von der Enterprise: Unsere Techniker grillen, wenn nötig, unter Wasser.“

Dabei hatte die 14-tägige Kreuzfahrt so heiter begonnen: Im Theater des Ozeanriesens stellt der Kapitän die Highlights der Route – Bangkok, Ko Samui, Penang, Kuala Lumpur, Singapur, Ho-Chi-Minh-Stadt, Bangkok – und seine Offiziere vor.

„Vergessen Sie MacGyver, vergessen Sie Scotty von der Enterprise: Unsere Techniker grillen, wenn nötig, unter Wasser.“ Das Publikum lacht. Wie alle Abteilungsleiter habe er einen Stellvertreter, den Staffkapitän. Das sei nötig angesichts des anstrengenden Jobs: „Anlegen, ablegen und das Hinlegen dazwischen.“

Seine Aufgaben gehen weit darüber hinaus, wie Cofalka der SÜDWEST PRESSE erzählt. „Der technische, nautische und Gästeservicebereich müssen miteinander verzahnt sein.“ Die klassische Seemannstätigkeit mache nur 15 Prozent seiner Arbeit aus.

„Der Rest ist in vielen Bereichen so etwas wie ein Geschäftsführer: Budgetmeetings, Personalmanagement, Prozessüberwachung, abfragen, delegieren.“ Die Bandbreite in der Passagierschifffahrt sei groß. „Wer aus der Frachterei kommt, hat eine intensive Eingewöhnungsphase.“ Dort hat er, wie viele andere Kreuzfahrtkapitäne, seine Wurzeln.

„Kurz vor dem Abitur hatte ich keinen Plan, was ich werden will.“

Der gebürtige Bregenzer ist durch eine Lügengeschichte Seemann geworden. „Kurz vor dem Abitur hatte ich keinen Plan, was ich werden will.“ Ein Bekannter, den er lange nicht gesehen hatte, erzählte, er sei zur See gefahren.

Das klang spannend, also studierte Cofalka Seeverkehr. Fünf Jahre später stellte sich heraus, dass „der Heini“ nie ein Schiff von innen gesehen hatte. Bereut hat Cofalka, der außer West-, Ostafrika und der Antarktis fast die ganze Welt erfahren hat, seine Entscheidung nie.

„Wenn etwas passiert, hänge ich voll mit drin – bis hin zu strafrechtlichen Konsequenzen.“

Auf dem Weg von Ko Samui nach Penang geht auf der Brücke morgens ein Alarm aus der Wäscherei ein. Cofalka schickt ein Team hinunter. Entwarnung. Nur Wasserdampf aus einer Leckage. Der Feuermelder unterscheide nicht zwischen Rauch und Dampf, erklärt der Kapitän.

Wenn es um die Sicherheit von Passagieren und knapp 400 Crewmitgliedern geht, geht er kein Risiko ein. Schließlich ist der Ranghöchste an Bord für 250 Millionen Euro Schiffswert und bis zu 2000 Seelen verantwortlich. „Direkt und persönlich. Wenn etwas passiert, hänge ich voll mit drin – bis hin zu strafrechtlichen Konsequenzen.“ So geschehen im Fall des Kapitäns der 2012 havarierten Costa Concordia.

„Es war für die gesamte Seefahrergilde ein Schock.“

Wie hat Cofalka vom Unglück mit 32 Toten erfahren? Im Urlaub, live aus dem Fernsehen. „Es war für die gesamte Seefahrergilde ein Schock.“ Cofalka ringt um Worte. Er habe damals „instinktiv in einen Arbeitsmodus“ geschaltet. „Ich bin im Geiste alle Evakuierungspositionen durchgegangen. Das wurde mir erst Tage später bewusst.“

Seit dem Unglück findet die Rettungsübung vor dem ersten Auslaufen statt. Reicht das? „Die einzig wichtige Frage war: Was können wir tun, dass so etwas nie wieder passiert?“ Das Aida-Sicherheitssystem sei mit externen Beratern geprüft worden. Ändern musste sich nicht viel. „Darauf ruhen wir uns nicht aus. Die Kunst ist es, ein Sicherheitssystem als lebendes Element zu betrachten.“

„Die Welt ist bunt und farbenfroh, mit allem, was dazugehört.“

Sehr lebendig ist die Lage in Bangkok, dem ersten Tour-Highlight. Bisher hatten die Proteste keine Auswirkungen auf Schiffsgäste, sagt Cofalka. „Wir beobachten die Lage 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.“ Im Notfall könne eine Alternativroute binnen Stunden „implementiert“ werden. Pläne gebe es. „Das geht nicht anders. Die Welt ist bunt und farbenfroh, mit allem, was dazugehört.“

Farbenfroh geht es auch auf dem Pooldeck zu. „Capitano, Capitano, nimm mich mit auf große Fahrt“ klingt es aus den Lautsprechern. In der nautischen Fragestunde will eine Frau von Cofalka, einem der jüngsten der rund 20 Kapitäne der Kussmund-Flotte, wissen, ob er Paare trauen darf.

Laut italienischem Flaggenrecht nur im Notfall, etwa wenn mit baldigem Ableben der Personen zu rechnen sei. Einen Mann interessieren Piratenangriffe. Kreuzfahrtschiffe seien schlechte Ziele, sagt Cofalka. Schnell. Manövrierfähig. Hohe Bordwände. „Und wir haben eine Geheimwaffe: hungrige Passagiere, die das Büffet verteidigen.“

Seine Arbeitszeit kann er, der bei starrer Hierarchie als Chef kein Freund des „Brüll-Kommando-Tons“ ist, flexibel legen. Meist ist er täglich von 8 bis 12 Uhr auf der Brücke, abends bis 20 Uhr. „Ich sitze auch mal nachts im Büro. Da stört mich niemand.“ Das Schiff fährt die Route zu 90 Prozent via Autopilot.

„Der größte Feind ist der Wind.“

Cofalka und sein Team – etwa der Staffkapitän, die Sicherheitsoffiziere und Juniornautiker – überwachen die Prozesse. Können sich zum Beispiel Navigator und Ko-Navigator nicht über den Kurs einigen, entscheidet der Kapitän. Das An- und Ablegen in den Häfen übernimmt Cofalka, assistiert von ortskundigen Lotsen. „Der größte Feind ist dabei der Wind.“ Das Schiff hat 5700 Quadratmeter Angriffsfläche.

Cofalkas 25-Quadratmeter-Kabine ist direkt hinter der Brücke. Insgesamt ist er jeweils drei Monate an Bord. Die Südostasien-Tour ist sein Favorit, vor dem Schwarzen Meer und dem Amazonas. Nach den Einsätzen hat er zwei Monate Urlaub.

„Kurz aus dem Büro heimkommen geht nicht.“

Der Job lasse sich mit der Familie gut vereinbaren, sagt der Vater zweier kleiner Buben. Ab und an besuchen sie ihn an Bord. „Einerseits ist es ein Leben der Extreme. Man ist entweder voll da – oder gar nicht. Kurz aus dem Büro heimkommen geht nicht.“

Seine Frau, die in der nautischen Inspektion einer Reederei arbeitete, habe sich darauf eingestellt. Andererseits bringe eine Management-Position an Land auch keinen Acht-Stunden-Tag von Montag bis Freitag mit sich.

„Momentan macht es mir noch Freude. Aber auch ich fluche von Zeit zu Zeit.“

„Im Urlaub habe ich kein Diensthandy. Da fröne ich dem Baden am Strand am Bodensee.“ Zudem sei er ja dank Satellitentelefon und E-Mail nicht aus der Welt, wenn er am anderen Ende der Welt ist. Wie lange er zur See fahren wird, weiß er nicht. „Ich mache alle fünf Jahre eine Kompasskontrolle.“ Mit seinem Know-how gebe es Alternativen an Land. „Momentan macht es mir noch Freude. Aber auch ich fluche von Zeit zu Zeit.“

Grund zum Fluchen hat er keinen, als er im Büffet-Restaurant „Calypso“ Platz nimmt. Dort schaut er mal vorbei, wenn er nicht in der Offiziersmesse isst. „Ein Mittagessen mit dem Kapitän, das hat nicht jeder“, sagt ein Urlauber am Tisch. Ohne Berührungsängste quetscht Cofalka ihn über dessen Arbeit als Lichttechniker aus.

„Ist das Glas sauber, der Kellner, wo er sein soll?“

Rein juristisch müsse kein Kapitän „freundliche Nasenlöcher machen“, sagt der 37-Jährige. Es werde aber gerne gesehen. Für ihn sind die Gespräche „ein Mini-Urlaub an Bord“. Er gesteht jedoch, immer ein Auge auf den Service zu haben. „Ist das Glas sauber, der Kellner, wo er sein soll?“

Der medizinische Notfall ist indes dort, wo er sein soll. Im Krankenhaus. Laut Cofalka sind gar zwei Personen ausgeschifft worden. Per Boot. Zu den Erkrankungen dürfe er nichts sagen. Schweigepflicht. Wegen einer Lappalie werde das Schiff nicht unter Volldampf fahren. Das kostet die Reederei viel Geld.

„Verloren habe ich bisher noch niemanden.“

Von der verlängerten Liegezeit durch die frühere Ankunft ganz zu schweigen. Ein bis zwei Mal pro Jahr erlebe er Notfälle. Gut 50 Mannstunden seien nötig, um die Seenotrettung zu koordinieren. Cofalka hofft, dass auch diesmal alles gut geht. Denn: „Verloren habe ich bisher noch niemanden.“ Das soll so bleiben.

*** Dieser Artikel ist am 01.03.2014 in der SÜDWEST PRESSE erschienen. Die Reise kam mit Unterstützung von Aida Cruises zustande. Einen Einfluss auf die Berichterstattung hatte dies zu keinem Zeitpunkt. ***

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Über Oliver Heider (37 Beiträge)
Journalist. Blogger. Reisender.

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